Grünbein, Durs: Meditation nach Descartes

Portre of Grünbein, Durs

Meditation nach Descartes (German)

1
In welchem schneebedeckten Jahrhundert, mit Fingern
Steif auf bereifte Scheiben gemalt, erschien dieser Plan
Zur Berechnung der Seelen?
                                  Was so lange ein Hauch war
Vor getrübten Augen, ins Dunkel gesenkter Stirn,
Hing nun als glitzernder Tropfen in der Gewitterluft
An einem Brustkorb, aus Zweigen geformt.
Saubere Schnitte legten den Blutkreislauf frei
In den Armen des Schächers, am Hals des Gehenkten
Das hydraulische Wunderwerk. Endlich
Gehorchten Betrug und Verrat geometrischer Form.
                                  Zwischen den Armen
In Klammern gesetzt, war der Kopf ein gesichertes Ziel
Für den göttlichen Anschlag, den kosmischen Staub.
Landschaft und Denken und Ich, alles lief auseinander.
 
 
2
Einen Körper zerstören ist leicht, kinderleicht.
Es genügt eine Zeichnung, ein Entwurf, der zerreiβt
Die Gewebe, den hauchdünnen Fallschirm Lunge, das Herz,
Lange im voraus.
                         Methodisch, mit Klingen und Nadeln,
Rückt Tod nun zu Leibe, dringt in Hohlvenen ein,
Öffnet Klappen, Ventile, näht die Schädel hinter sich zu.
In einer Fischblase gefangen, ein Novize der Melancholie,
Blaβ vom Sezieren, wirft sich der Wundarzt, der Anatom
Vor Spiegeln in Positur. Ganze Zimmer verschwinden
Im Sog einer Bauchhöhle, einer erbrochenen Schläfe.
Ein Thermometer, eingeführt in den Schlund, eine Gabel
Wird zum todlichen Werkzeug. Doch das beweist nichts
Gegen die Wiederkehr alter Träume auf rissiger Leinwand,
Das Arkadien des Unbewuβten auf dem morschen Brokat
Goldener Gobelins.
                           Etwas schlägt zu, und es bleibt
Das geheime Indiz, dieses vorletzte, letzte
Bild auf dem Augenhintergrund nicht.



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Source of the quotationhttp://seriealfa.com

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